Hirschfelde wird zum offenen Transferraum
Wie gelingt Wissenstransfer jenseits des Hochschulcampus? Die Zukunftstage Hirschfelde zeigten, wie Wissenschaft, Bürgerschaft, Vereine, Unternehmen, Politik und Verwaltung gemeinsam einen offenen Transferraum gestalten können. Vom 29. bis 31. Mai 2026 wurde ein ganzer Ort zum Raum für Begegnung, Austausch und gemeinsames Lernen.
Mehr als 480 Schülerinnen und Schüler, zahlreiche Besucherinnen und Besucher und eine große Vielfalt beteiligter Institutionen machten die Zukunftstage Hirschfelde zu einem besonderen Transferformat. Unter dem Motto „Wissenschaft erleben“ verwandelten sich der Ernst-Thälmann-Platz, die historischen Vorlaubenhäuser und weitere Orte im Zentrum von Hirschfelde für drei Tage in offene Lern-, Diskussions- und Experimentierräume.
Ermöglicht wurden die Zukunftstage durch die Hochschule Zittau/Görlitz. Gemeinsam mit dem Verein Zukunft Hirschfelde e. V. entwickelte das Projekt ein Veranstaltungsformat, das Forschung nicht nur präsentierte, sondern mit regionalen Fragen, Erfahrungen und Ideen verband.
Transfer findet dort statt, wo Menschen zusammenkommen
Transfer wird häufig mit der Weitergabe wissenschaftlicher Erkenntnisse oder technologischer Lösungen verbunden. Die Zukunftstage machten ein breiteres Verständnis sichtbar. Transfer entstand dort, wo Forschende ihre Arbeit erklärten, Bürgerinnen und Bürger Fragen stellten, Schülerinnen und Schüler selbst experimentierten und regionale Akteurinnen und Akteure ihre Erfahrungen und Bedarfe einbrachten. Damit verlief der Austausch nicht nur in eine Richtung. Die Hochschule brachte Wissen, Forschungsergebnisse und technische Anwendungen nach Hirschfelde. Gleichzeitig erhielt sie unmittelbare Rückmeldungen aus der Region.
Welche Themen beschäftigen die Menschen? Welche Forschung wird als relevant wahrgenommen? Wo bestehen Fragen, Vorbehalte oder konkrete Anknüpfungspunkte für eine weitere Zusammenarbeit? Gerade dieser wechselseitige Austausch gehört zum unserem Transferverständnis. Wissenschaftliche Kompetenzen werden mit Wissen aus Wirtschaft, Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft verbunden. Aus Begegnungen können neue Kontakte, gemeinsame Ideen und langfristige Kooperationen entstehen.
Ein ganzer Ort wird zum Transferraum
Transferräume müssen nicht zwingend fest eingerichtete Labore oder Veranstaltungsräume auf einem Hochschulcampus sein. In Hirschfelde entstand für drei Tage ein dezentraler und temporärer Transferraum, der sich über den gesamten Ortskern erstreckte. Der Marktplatz wurde zum Experimentierfeld. Die Vorlaubenhäuser boten Raum für Gespräche, Ausstellungen und Angebote zur regionalen Baukultur. Mobile Lernorte, Informationsstände, Bühnen, Werkstätten und Diskussionsformate ergänzten sich zu einer vielfältigen Transferlandschaft.
Diese Verteilung im öffentlichen Raum senkte die Schwelle zur Teilnahme. Besucherinnen und Besucher mussten nicht den Weg an die Hochschule finden. Wissenschaft und Forschung kamen dorthin, wo Menschen leben, arbeiten und ihren Alltag gestalten. Einige Gäste besuchten gezielt einen Vortrag oder eine Mitmachstation. Andere kamen zufällig vorbei, blieben stehen und beteiligten sich an einem Gespräch.
Genau darin lag eine besondere Stärke des Formats. Der Transferraum war offen für unterschiedliche Altersgruppen, Interessen und Wissensstände. Wissenschaft wurde nicht als abgeschlossener Bereich wahrgenommen, sondern als Teil des gesellschaftlichen Lebens vor Ort.
Co-Creation beginnt bereits bei der Planung
Die Zukunftstage waren keine Veranstaltung, die von der Hochschule allein geplant und anschließend in Hirschfelde umgesetzt wurde. Das Format entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Verein Zukunft Hirschfelde e. V. und zahlreichen regionalen Partnern. Der Verein brachte seine Kenntnisse des Ortes, seine Netzwerke und seine Vorstellungen für die zukünftige Entwicklung Hirschfeldes ein. Wir unterstützten bei der Konzeption, Koordination und Einbindung wissenschaftlicher sowie institutioneller Partner.
Forschende, Unternehmen, Vereine, Bildungseinrichtungen und weitere Organisationen entwickelten daraus ein gemeinsames Programm. Diese Zusammenarbeit prägte auch die inhaltliche Ausrichtung. Neben überregionalen Zukunftsthemen wie Energie, Künstlicher Intelligenz, Mobilität und neuen Technologien griff das Programm konkrete Fragen aus Hirschfelde und der Oberlausitz auf.
Dazu gehörten die zukünftige Wärmeversorgung kommunaler Gebäude, der Strukturwandel, regionale Baukultur, Starkregenvorsorge, Fachkräftebedarfe und Perspektiven für junge Menschen. Die Zukunftstage zeigten damit, wie Co-Creation im Transfer funktionieren kann. Unterschiedliche Akteure bringen ihre Kompetenzen und Perspektiven ein und entwickeln daraus ein Format, das sich an den Bedingungen und Fragestellungen eines konkreten Ortes orientiert.
Forschung wird erlebbar
Ein Schwerpunkt der Zukunftstage lag auf niedrigschwelligen Mitmachangeboten. Mehr als 480 Schülerinnen und Schüler aus der Region nutzten bereits am Freitag das umfangreiche Schulprogramm. Das DLR_School_Lab der Hochschule Zittau/Görlitz und der Zukunftslernort Oberlausitz, kurz ZukLOS, zeigten, wie mobile und praxisorientierte Lernangebote selbst zu Transferräumen werden können. Die Schülerinnen und Schüler experimentierten mit Wärmepumpen und Infrarotstrahlung, mikroskopierten, arbeiteten mit Naturfasern und lernten Verfahren wie 3D-Druck, Lasercutting und Löten kennen.
Auch Virtual Reality und Augmented Reality eröffneten neue Zugänge. Anwendungen der Forschungsgruppe SCO-TTi machten unter anderem die Konstruktion regionaltypischer Umgebindehäuser im virtuellen Raum erlebbar. Besucherinnen und Besucher konnten dabei nicht nur moderne Technologien ausprobieren, sondern zugleich einen neuen Blick auf das baukulturelle Erbe der Region gewinnen.
Weitere Angebote widmeten sich unter anderem erklärbarer Künstlicher Intelligenz, Kreislaufwirtschaft, Bioökonomie, Hochspannungstechnik, Strahlenschutz, Astrophysik, nachhaltigen Materialien und erneuerbaren Energien. Die fachliche Vielfalt war dabei kein Selbstzweck. Sie ermöglichte unterschiedliche Zugänge zu Wissenschaft und Forschung. Manche Besucherinnen und Besucher interessierten sich für technische Details. Andere stellten Fragen zum Nutzen für ihren Alltag oder zur Bedeutung öffentlicher Forschungsinvestitionen für die Region.
Regionale Fragen treffen wissenschaftliche Kompetenzen
Die Hochschule Zittau/Görlitz beteiligte sich mit mehr als 25 fachlichen Beiträgen, Mitmachstationen, Vorträgen und Diskussionsformaten. Viele dieser Angebote verbanden wissenschaftliche Themen unmittelbar mit regionalen Herausforderungen. So konnten Besucherinnen und Besucher mehr über eine Machbarkeitsstudie zur zukünftigen Wärmeversorgung kommunaler Gebäude in Hirschfelde erfahren.
Aus einem Forschungsthema wurde damit eine konkrete Frage für den Ort: Wie lassen sich Schule, Kindertagesstätte und weitere Gebäude künftig klimafreundlich und zuverlässig mit Wärme versorgen? Ein Modell zu Gleichspannungsnetzen führte zu Gesprächen über die Energieversorgung der Zukunft. Anwendungen zu erklärbarer Künstlicher Intelligenz zeigten, wie algorithmische Entscheidungen nachvollziehbar gemacht werden können.
Angebote zu Starkregen, Mobilität, nachhaltigen Baustoffen oder Bioökonomie knüpften ebenfalls an Themen an, die für Kommunen, Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger unmittelbar relevant sind. Transfer bedeutete hier, wissenschaftliche Erkenntnisse in verständliche und anwendbare Zusammenhänge zu übersetzen. Gleichzeitig konnten die Forschenden erfahren, welche Aspekte bei den Menschen besondere Aufmerksamkeit, Interesse oder auch Skepsis auslösen.
Dialog macht Zukunftsfragen verhandelbar
Neben Experimenten und Demonstratoren bildeten Podiumsdiskussionen einen weiteren wichtigen Bestandteil des Transferraums. Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft diskutierten über Bildung, Strukturwandel, die Halbleiterindustrie, Fachkräfte, gesellschaftlichen Zusammenhalt und den konkreten Nutzen von Forschung für die Region.
Die Diskussionen machten deutlich, dass Transfer nicht nur die Vermittlung gesicherter Erkenntnisse umfasst. Er schafft auch Räume, in denen unterschiedliche Interessen, Erwartungen und Sichtweisen aufeinandertreffen. Fragen nach öffentlichen Investitionen, regionalen Entwicklungsperspektiven oder den Chancen junger Menschen wurden offen angesprochen. Die Antworten fielen nicht immer einheitlich aus. Gerade dadurch konnten die Zukunftstage einen Beitrag zu einem transparenten und respektvollen Austausch leisten.
Die hohe politische Beteiligung unterstrich die Bedeutung des Formats. Unter anderem besuchten zwei sächsische Staatsminister, der Landrat des Landkreises Görlitz, mehrere Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister, Landtagsabgeordnete und der Chef der Sächsischen Staatskanzlei die Veranstaltung.
Transfer braucht Vertrauen und lokale Partner
Ein wirksamer Transferraum entsteht nicht allein durch Räume, Technik oder ein umfangreiches Programm. Entscheidend sind persönliche Beziehungen, gegenseitiges Vertrauen und Akteure, die Verantwortung für den gemeinsamen Prozess übernehmen. Für die Zukunftstage war die Zusammenarbeit zwischen dem Verein Zukunft Hirschfelde e. V., der Hochschule Zittau/Görlitz, Saxony⁵ und den zahlreichen beteiligten Partnern von hoher Bedeutung.
Der Verein öffnete Zugänge zum Ort und zur Bürgerschaft. Die Hochschule brachte wissenschaftliche Kompetenzen und Kontakte ein. Weitere Partner ergänzten das Programm mit eigenen Erfahrungen, Technologien und Perspektiven.
Auch das ehrenamtliche Engagement spielte eine tragende Rolle. Viele Angebote, Begegnungen und organisatorische Lösungen wurden erst durch Menschen möglich, die ihre Zeit, ihre Ortskenntnis und ihre Ideen einbrachten.
„Mich hat besonders beeindruckt, mit welcher Offenheit und Neugier die Menschen in Hirschfelde auf Wissenschaft und Forschung zugegangen sind. Die Zukunftstage haben gezeigt, dass Innovation nicht nur in Laboren und Hörsälen entsteht, sondern überall dort, wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen, Ideen teilen und gemeinsam Verantwortung für die Zukunft ihrer Region übernehmen.“
Prof. Dr. Sophia Keil, Prorektorin Forschung, Transfer und Internationalisierung der Hochschule Zittau/Görlitz
Ein Transferformat mit Perspektive
Die Zukunftstage haben keine fertigen Antworten auf alle Herausforderungen des Strukturwandels gegeben. Sie haben jedoch gezeigt, wie Transfer im ländlichen Raum gestaltet werden kann: offen, praxisnah, dialogorientiert und gemeinsam mit den Menschen vor Ort. Für uns sind die gewonnenen Erfahrungen auch für die Weiterentwicklung erlebbarer Transferräume relevant. Das Format zeigt, dass bestehende Orte zeitweise neue Funktionen übernehmen können.
Ein Marktplatz wird zum Lernort, ein historisches Gebäude zum Diskussionsraum und ein mobiler Anhänger zum Experimentierlabor. Entscheidend ist dabei nicht nur die räumliche Gestaltung. Ein Transferraum entsteht vor allem durch die Beziehungen und Aktivitäten, die in ihm möglich werden. Er bringt Menschen zusammen, die sich im Alltag möglicherweise nicht begegnen würden. Er schafft Gelegenheiten, Wissen zu teilen, Fragen zu formulieren und gemeinsame Ideen zu entwickeln.
Die entstandenen Kontakte und Rückmeldungen sollen deshalb über das Veranstaltungswochenende hinauswirken. Für den Verein Zukunft Hirschfelde e. V. stehen unter anderem die weitere Entwicklung der Vorlaubenhäuser und der Alten Schmiede als Orte für Bildung, Handwerk, Kultur und Gemeinwesen im Mittelpunkt. Auch kleinere Folgeformate, Workshops, Vorträge und weitere Kooperationen mit der Hochschule sind denkbar.
Die Zukunftstage Hirschfelde haben damit gezeigt: Transfer muss nicht auf dem Hochschulcampus beginnen. Er kann auf einem Dorfplatz, in einem historischen Haus oder an einer mobilen Experimentierstation entstehen. Entscheidend ist, dass Menschen einen Raum erhalten, in dem sie einander begegnen, Wissen austauschen und gemeinsam Zukunft gestalten.
veröffentlicht am 26.06.2026, von Lucas Wenzel
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Veröffentlichungsdatum
26.06.2026
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