Mikroplastik und Superyachten – Eine Woche auf der boot Düsseldorf

Kathrin Harre, Dr. Wibke Mellwig und Frank Schweikert beim Love Your Ocean Stand

9 Tage waren Forschende der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden auf der boot in Düsseldorf: Zwischen Superyachten und Freizeitwassersportler*innen wurde darüber aufgeklärt, wie Mikroplastik von der Straße über Flüsse in unsere Meere gelangt und wie dies mithilfe neuartiger Pflanzenmodule verhindert werden kann. Dabei wurde auch das an der HTWD patentierte Verfahren zur Quantifizierung von Mikroplastik in Gewässern vorgestellt.

Der Messe-Rückblick: Was passierte auf der boot?

Der zentrale Aktionsstand für Umwelt- und Naturschutz auf der boot Düsseldorf war die„Love Your Ocean“-Bühne – das Nachhaltigkeits- und Meeresschutzforum der Messe, organisiert durch die Deutsche Meeresstiftung. Zwischen Vorträgen, Diskussionsrunden und Mitmachaktionen stand hier eine Frage im Mittelpunkt: Wie können wir unsere Ozeane wirksam schützen?

Nach einer Einladung von Frank Schweikert, Gründer und Vorstand der Deutschen Meeresstiftung machte sich das Team von Kathrin Harre, Friedemann Sell, Lucas Kurzweg, Pauline Seidel, Richard Zeumer, Sabrina Selinger, Wiebke Zielosko und Oliver Kretschmar mit Anschauungsobjekten und Infomaterial auf den Weg nach Düsseldorf. Im Austausch mit Besucher*innen, Wassersportbegeisterten und Vertreter*innen aus Umweltorganisationen wurde sichtbar, dass Meeresschutz nicht erst auf hoher See beginnt, sondern bereits weit im Landesinneren.

Flüsse als Haupttransportwege für Mikroplastik rückten dabei besonders in den Fokus. Die „Love Your Ocean“-Bühne bot einen idealen Rahmen, um zu zeigen, wie neue Methoden zur Erfassung und Rückhaltung von Mikroplastik konkret zum Schutz der Meere beitragen kann.

Von diesem Ausgangspunkt aus entwickelten sich während der neun Messetage zahlreiche Gespräche und neue Kontakte für potenzielle Anwendungsfälle von neuartigen Rückhaltemodulen für Mikroplastik. Unter anderem kamen die Forschenden mit der Leiterin der Abteilung für Wasserstraßen und Schifffahrt im Bundesministerium für Verkehr (BMV) Dr. Wibke Mellwig sowie dem Bundesverband Meeresmüll e.V. ins Gespräch.

Warum ist Mikroplastik in Flüssen ein Problem für die Ozeane?

Schätzungsweise gelangen jährlich 8 Millionen Tonnen Plastikmüll in unsere Meere – rund 75% des gesamten Meeresmülls besteht aus Kunststoffen. Ein Großteil dieses Mülls gelangt über Flüsse in die Ozeane.

Doch während Plastikflaschen und Netze offensichtlich sind, stellt Mikroplastik (Partikel kleiner als 5 mm) die Forschung vor eine weitaus größere Herausforderung: Wie findet und quantifiziert man winzige Kunststoffteilchen in komplexen Wasser- oder Schlammproben?

An der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (HTWD) wurde ein innovatives Verfahren entwickelt und 2019 mit dem Sächsischen Umweltpreis ausgezeichnet, das genau hier ansetzt. Die Dresdner Forschung kombiniert dabei zwei entscheidende Technologien:

  1. Elektrostatische Separation: Die elektrostatische Separation trennt Kunststoffpartikel von Sedimenten, indem die Teilchen in einem elektrischen Feld aufgeladen werden. Kunststoffpartikel haften dabei stärker an einer metallischen Walze, während mineralische Sedimente kaum reagieren und so getrennt werden können.
  2. Dynamische Differenzkalorimetrie (DSC): Die Dynamische Differenzkalorimetrie (DSC) misst, wie viel Wärme ein Material aufnimmt oder abgibt, wenn es kontrolliert erwärmt oder gekühlt wird. Dadurch lassen sich Änderungen wie Schmelzen, Erstarren oder chemische Reaktionen erkennen, was letztlich die Erkennung von verschiedenen Kunststoffen in den Sedimentproben erlaubt.

Dieses kombinierte Verfahren erlaubt es den Forschenden, ein präzises Bild der Belastung zu zeichnen: Woher kommt der Kunststoff, wie viel ist es und welche Sorten dominieren? Dieses Monitoring ist Voraussetzung, um gezielte Schutzmaßnahmen zu entwickeln.

Pflanzenmodule können Mikroplastik auf dem Weg ins Meer stoppen

Wie befreien wir unsere Gewässer vom Mikroplastik, wenn wir es einmal lokalisiert haben? Die Antwort der HTWD-Forschenden lautet: Retentionsmodule. Diese innovativen „Plastik-Fallen“ sind weit mehr als einfache Filter, denn sie nutzen die natürliche Strömung, um den Schadstoffeintrag in unsere Meere bereits an der Quelle zu stoppen.

Bei den Modulen handelt es sich um tragbare, kompakte Einheiten, die mit Boden gefüllt und gezielt bepflanzt sind. Ihr Einsatzgebiet liegt vor allem in Flussauen und Überschwemmungsgebieten. Hier entfaltet sich ihr volles Potenzial, wenn sie bei Hochwasser- oder Starkregenereignissen überspült werden und als natürliche Barriere fungieren.

So funktionieren die Retentionsmodule für Mikroplastik

In unseren modernen Städten ist der natürliche Zustand der Ufer oft verloren gegangen: Betonmauern und befestigte Wege haben vielerorts Schilfgürtel und Auen ersetzt. Das hat Folgen: Wenn Flüsse bei Starkregen über die Ufer treten, fehlen Auen als natürlicher Hochwasserschutz. Das Wasser verteilt Plastikpartikel ungehindert in der Umwelt. Die Retentionsmodule fungieren hier als Zwei-Wege-Filter: Die Kunststoffe bleiben sowohl beim Übertreten des Wassers auf die Uferflächen als auch beim Zurückfließen in den Fluss an den Modulen hängen.

Mehr als nur ein Filter: Der multifunktionale Ansatz

Man könnte Mikroplastik theoretisch auch mit künstlichen Barrieren wie Netzen oder Bürsten stoppen. Doch die Retentionsmodule der HTWD gehen einen entscheidenden Schritt weiter. Sie bieten einen ökologischen Mehrwert, der über die reine Kunststofffiltration hinausgeht:

  1. Ökologische Aufwertung: Sie schaffen neue Lebensräume für Insekten und Vögel inmitten versiegelter Städte.
  2. Stadtbild: Durch mehr Grün laden Uferbereiche wieder mehr zum Verweilen und Erholen ein.

In Überspülversuchen an der HTWD wurde die Leistungsfähigkeit dieser grünen Filter bereits bewiesen: Ein einzelnes Modul kann je nach Strömung und Partikelart zwischen 20 und 90 % des Mikroplastiks aus dem durchströmenden Wasser zurückhalten.

Meeresschutz beginnt in unseren Flüssen

Nicht nur auf der Love Your Ocean-Bühne wurde deutlich: Gewässerschutz beginnt nicht erst im Ozean, sondern am Ufer. Die Retentionsmodule sind ein Paradebeispiel für „Nature-based Solutions“, also Technik, die sich natürliche Prozesse zunutze macht. Für die Besucher*innen der Messe verdeutlichte dieses Exponat, dass wir aktive Lösungen brauchen, um unsere Meere langfristig plastikfrei zu halten.

Sie interessieren sich für die Entwicklung der Retentionsmodule oder möchten die Forschenden unterstützen?

Jetzt spenden oder Pat*in für ein Retentionsmodul werden

veröffentlicht am 16.02.2026, von Eric Neiß

Ort

boot Düsseldorf
Stockumer Kirchstraße 6
40474 Düsseldorf

Veröffentlichungsdatum

16.02.2026

Kontakt

Porträtfoto Kathrin Harre

Prof. Dr. Kathrin Harre

Gesamtprojektleiterin

Tel.: +49 351 462 3250

Dr. Richard Zeumer

Projektmitarbeiter

Tel.: +49 351 462 2027

Schlagwörter

Messe

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