Zwischen Mikroplastikforschung und Kommunikationsdesign: Interview mit Pauline Seidel
Wie viel Mikroplastik steckt eigentlich in einer Flussaue – und wie erklärt man das Menschen, die noch nie etwas von Dichteseparation oder Polymertypen gehört haben? Genau an dieser Schnittstelle setzt eines unserer Projekte an: Gemeinsam mit der Arbeitsgruppe von Prof. Kathrin Harre an der HTW Dresden entwickelt unser Designteam ein multimediales Exponat, das aktuelle Forschungsergebnisse zu Mikroplastik in Auenböden für ein breites Publikum erlebbar macht – auf Messen, Konferenzen und in Ausstellungen.
Die wissenschaftliche Grundlage dafür liefert unter anderem Pauline Seidel, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der HTW Dresden. Als Geografin mit Schwerpunkt Böden und Mikroplastik bringt sie die inhaltliche Tiefe der Mikroplastikanalyse ein, während unser Team die Übersetzung in Bild, Interaktion und Raum übernimmt – von ersten Scrollytelling-Konzepten bis zu Nutzertests für gestalterische Details wie die Darstellung eines einzelnen Baums.
Im Interview erzählt Pauline, wie diese Zusammenarbeit entstanden ist, welche Begriffe und Konzepte beide Seiten einander erst erklären mussten, warum Reduktion in der Wissenschaftskommunikation nicht automatisch einen Verlust an Substanz bedeutet – und was sie anderen Forschenden rät, die einen ähnlichen Schritt in Richtung Design und Transfer wagen wollen.
Kannst du kurz erklären, wer du bist, was du machst und wie du zu dem Projekt gekommen bist?
Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der HTW Dresden. Eigentlich bin ich Geografin, interessiere mich aber sehr für Böden und für Mikroplastik in Böden. Dadurch bin ich zur Arbeitsgruppe von Professorin Harre gekommen, die vor allem chemisch zu Mikroplastik in der Umwelt forscht und noch jemanden für den Umweltaspekt brauchte.
Zu dem Projekt selbst kam ich über viele Ecken. Ich hatte an der TU eine Abschlussarbeit mitbetreut, bei einer Studentin, die Lehramt für Geografie und Kunst studierte. Wir wollten gerne eine Scrollytelling-Website als Wissenschaftskommunikationselement machen. Kathrin Harre meinte dann, ich solle mich an die Leute vom Design wenden, die könnten uns dabei unterstützen. So kam der Kontakt zustande, und daraus hat sich mit der Zeit mehr entwickelt. Ramona Wahl kam dazu, und man überlegte, ein zweites Modul zum Thema Mikroplastik in der Umwelt zu machen – ein Thema, das sehr aktuell und greifbar ist und mit dem jeder etwas anfangen kann.
Hattest du vorher schon Kontakt zu Wissenschaftskommunikation und Transfer?
Ja, ich interessiere mich schon länger dafür. Nach meinem Studium habe ich in der Lehre an der TU gearbeitet, war auf Konferenzen und habe mich auch didaktisch damit auseinandergesetzt, wie man Inhalte vermittelt – etwa in schuldidaktischen Kursen. Das hat schon Schnittmengen zur Wissenschaftskommunikation, denn es geht immer darum, Inhalte zu reduzieren und für eine bestimmte Zielgruppe verständlich zu machen.
Auf das Format Scrollytelling bin ich auf einer Konferenz gestoßen, über einen Klimaanpassungs-Service aus den Niederlanden. Die hatten eine Scrollytelling-Website zu urbaner Hitze gemacht, mit echten Daten hinterlegt. Das fand ich total cool und dachte: So etwas wollte ich auch zum Thema Mikroplastik machen.
Gab es in der Zusammenarbeit Konzepte aus der Mikroplastikforschung, die ihr erst klären musstet? Oder umgekehrt Begriffe aus dem Design, bei denen ihr euch erst verständigen musstet?
Ich komme selbst nicht direkt aus der Gewässerkunde, sondern aus der Geografie, die das Thema eher streift. Aber klar, es gab Fachbegriffe, die ich erklären musste – etwa Dichteseparation aus dem Labor, oder auch grundlegende Fragen wie: Was ist überhaupt eine Aue? Was gehört da hinein, was nicht? Was ist Mikroplastik, und was ist es nicht?
Darüber haben wir länger gesprochen, rein inhaltlich. Ich habe dann auch Vertiefungsmaterial zu den verschiedenen Polymerarten zur Verfügung gestellt – da musste ich mich selbst erst über meine Masterarbeit reinfuchsen, weil es ja nicht nur die klassische Flasche gibt, sondern auch PE-Folien, PA, Nylonstrümpfe und so weiter.
Umgekehrt habe ich zum ersten Mal den Designprozess selbst miterlebt, und das fand ich sehr spannend: Welche Schritte braucht es eigentlich, um von der Idee zu einem fertigen Produkt zu kommen? Besonders beeindruckend war ein Nutzertest, bei dem die Designerinnen Fragen gestellt haben, die ich mir in meinem sonstigen Arbeitsalltag so nie stelle: Was sieht man zuerst, wenn man an einen Stand herantritt? Wie findet man die Aufteilung? Wie fühlen sich Dinge haptisch an? Wie bewegen sich Menschen im Raum?
Gab es etwas in der Zusammenarbeit, das dir zunächst unverständlich oder irritierend erschien, dir aber im Nachhinein für deine tägliche Arbeit geholfen hat?
Ja, total. Wir sind zum Beispiel öfter auf Konferenzen, seltener an Messeständen – aber wenn, dann hilft es total, einen Stand einladender zu gestalten, allein schon durch das Setting.
Ein weiteres gutes Learning ist für mich, fachfremden Menschen Dinge zu erklären. Dabei lerne ich selbst am meisten: Was verstehen Leute nicht auf Anhieb? Was ist für sie neu, obwohl es für mich längst selbstverständliches Wissen ist? Das hilft mir zu erkennen, wo ich mich vielleicht selbst noch einmal einlesen muss, und welche Fragen Menschen außerhalb der eigenen Fachblase überhaupt interessieren.
Gibt es eine bestimmte Datenlage oder Information, bei der du den Eindruck hast, dass die Reduktion im Design nicht nur ein Verlust, sondern eher ein Gewinn ist?
In der Wissenschaftskommunikation gibt es oft die Sorge, dass mit der Reduktion von Inhalten auch die Detailtiefe oder die Wissenschaftlichkeit verloren geht. Inhaltlich sind wir in dem Projekt allerdings noch nicht so tief eingestiegen – bislang gibt es Überschriften, aber noch keine Texte. Ich glaube, da wird noch viel Feintuning nötig sein, bis wir uns auf ein Wording einigen, mit dem ich wissenschaftlich zufrieden bin, das aber gleichzeitig allgemein verständlich ist.
Aus meiner Erfahrung mit Wissenschaftskommunikation, etwa mit eigenen Beiträgen auf Bluesky, kann man ohnehin immer nur einen kleinen Ausschnitt abdecken. Es ist utopisch zu glauben, man könnte ein Thema wie Mikroplastik in Auen vollumfänglich darstellen. Das Ziel eines solchen Tools ist eher, jemandem die Basics zu vermitteln, sodass die Person sich danach eigenständig weitere Informationen holen und gezieltere Fragen stellen kann – zum Beispiel: Wie ist das mit dem Retentionsmodul, wird das Wasser eingeschwemmt oder auch die Plastikteile? Das sind schon konkrete Fragen, statt nur „Wer bist du, was machst du?“
Dabei geht es auch nicht nur um reine Wissensvermittlung, sondern darum, den Blick dafür zu schärfen, wie viel Plastik eigentlich in der Umwelt liegt – und welchen Mehrwert es hat, zum Beispiel einen Zigarettenstummel oder einen Joghurtbecher nicht einfach liegen zu lassen. Schon aus einem einzigen Plastikteil kann, wenn es zerkleinert wird, enorm viel Mikroplastik entstehen.
Gibt es in der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Geowissenschaften und Design Reibungspunkte – Momente, in denen etwas zu „designmäßig“ oder zu wenig geowissenschaftlich war? Und wie werden solche Fälle ausgehandelt?
Bislang hatten wir das eigentlich noch nicht so sehr. Ich glaube, meine eigene Toleranzschwelle ist recht hoch, weil ich mich für das Thema Design an sich sehr begeistern kann. Gleichzeitig haben Ramona und das ganze Team aus dem ersten Modul schon viel mitgenommen und wissen inzwischen recht gut, in welche Richtung sie fragen oder Dinge angehen müssen.
Da wir inhaltlich noch nicht so tief eingestiegen sind, könnte ich mir vorstellen, dass solche Aushandlungsprozesse eher noch kommen – etwa bei konkreten Formulierungen oder wenn es darum geht, Grafiken wirklich einfach und verständlich darzustellen.
Gibt es Dinge aus dem Designprozess, die du auch für deine geowissenschaftliche Arbeit hilfreich findest und anderen Forschenden für interdisziplinären Austausch empfehlen würdest?
Ja, total. Ich finde diesen Austausch an sich schon sehr wertvoll – gemeinsam ein Produkt zu entwickeln und diesen Weg gemeinsam zu gehen. Das stellt die eigene Arbeit noch einmal auf eine andere Weise dar und hilft, sie zu vermitteln.
Ich bin oft begeistert, wenn Ramona mir etwas Neues zeigt, das ich selbst gar nicht leisten könnte, weil mir schlicht die Fähigkeiten dazu fehlen – zum Beispiel, wie ein Baum gestalterisch umgesetzt wird. Bei mir sieht das eher nach PowerPoint-Piktogrammen aus. Am Ende hat man dann aber etwas, mit dem man auf Messen oder bei Veranstaltungen wirklich arbeiten kann – nicht so etwas Trockenes wie eine Masterarbeit, die man ohnehin nur selbst liest, sondern etwas, mit dem man zeigen kann: Genau daran arbeite ich, und das ist eigentlich ziemlich cool.
Ein Beispiel: Beim Nutzertest wurden Leute gefragt, welcher von mehreren Bäumen ihnen besser gefällt – marginale Unterschiede, aber am Ende doch ein bestimmtes Gefühl. Ich hätte das selbst kaum beschreiben können, aber die Designerinnen und Designer konnten genau benennen, was noch geändert werden muss, und haben zum Beispiel gleich drei Varianten entwickelt, die sich scheinbar kaum unterscheiden, aber einen großen Einfluss darauf haben, wie man ein Objekt wahrnimmt.
Auch wenn ich selbst keine Designerin bin, weiß ich natürlich, dass zum Beispiel ein Forschungsposter gut aussehen muss, damit Menschen überhaupt erst hinkommen und etwas mitnehmen. Ich glaube, da kann ich von den Design-Leuten noch viel lernen.
Was würdest du anderen Forschenden raten, die eine ähnliche Zusammenarbeit mit Gestalterinnen und Gestaltern anstreben? Und wo siehst du das größte ungenutzte Potenzial im Wissenstransfer beziehungsweise in der Wissenschaftskommunikation?
Ich kann gut nachvollziehen, dass es bei vielen hintenrunterfällt, weil es oft eher als Add-on gesehen wird. Es wird zunehmend in Förderanträgen gefordert, und man kann es mittlerweile auch im Antragsprozess mitverankern, sodass man dafür Geld und zeitliche Mittel bekommt.
Ich fände es aber wichtig, dass sich mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler trauen, diesen Schritt zu gehen. Mich selbst hat es auch viel Überwindung gekostet, überhaupt eine Reduktion vorzunehmen – aus Angst, dass es dann nicht mehr ganz richtig ist, oder dass fachliche Kolleginnen und Kollegen es als falsch empfinden. Das kostet immer noch Überwindung. Mein Rat: einfach machen, sich die Zeit dafür nehmen – und den Mehrwert dann selbst erleben.
Das im Interview beschriebene Modul zu Mikroplastik knüpft an ein erstes gemeinsames Projekt von Forschung und Design an: ein interaktives, multisensorisches Exponat zur Ökologischen Gewässerentwicklung. Anhand bepflanzter Schwimminseln wird dort erlebbar gemacht, wie solche Inseln urbane Gewässer ökologisch aufwerten können – etwa durch mehr Artenvielfalt, bessere Wasserqualität und stabilere Uferbereiche. Über einen Multitouch-Screen, eine VR-Anwendung und eine Materialstation zum Anfassen können Besucherinnen und Besucher das Thema mit mehreren Sinnen erkunden. Das Exponat war unter anderem bei der Langen Nacht der Wissenschaften in Dresden, auf der Sächsischen Innovationskonferenz von futureSAX sowie im COSMO Wissenschaftsforum zu sehen.
veröffentlicht am 29.07.2026, von Eric Neiß
Ort
Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden
Friedrich-List-Platz 1
01069 Dresden
Veröffentlichungsdatum
29.07.2026